Der Ich Roman am Beispiel von Kassandra
Besondere Darstellungsmerkmale: Perspektivierung und Medialisierung: Individualität wirft ein besonderes Licht auf die Erzählsituation. Der Ich-Erzähler erzählt sein eigenes Leben (ähnlich autobiografisch9 nach einem Erkenntnis- / Reue- / etc. – Prozess. Das erzählende Ich (hat den Reifeprozess durchlebt, kennt bereits Ereignisse die noch in der ,Zukunft‘ liegen) ist nicht mit dem erlebenden Ich gleichzusetzen. Man kann diese auch in ein „sprechendes Ich“ (das die Handlung gerade erzählt) und ein „sehendes Ich“ (dass die Ereignisse, die beschrieben werden, ,sieht‘) unterscheiden.
Auf die Textstelle bezogen S. 7 – 13
Die Einleitung (bis zum ersten Absatz) ist ein Prolog aus der Sicht eines auktorialen Erzählers. Danach beginnt der innere Monolog Kassandras (wird teilweise wegen des Erzählstils von Christa Wolf auch ,innerer Dialog‘ genannt). Der Ich-Erzähler erzählt „retroperspektivisch“ das heißt aus einer subjektiven, tief in der Erinnerung verwurzelten Sichtweise (Erzählweise).
- S. 7 „nichts was ich hätte tun oder lassen…“ => Kassandra akzeptiert ihr Schicksal und ist Einsichtig. Dies ist die Sicht des ,erzählenden Ichs‘, das schon einen Gesamtüberblick über die Situation hat und einsichtig geworden ist.
Allgemeines zur Erzählsituation eines Ich-Romans
Ein Ich-Roman erweckt den Anschein einer ,wahren‘ Geschichte. Die Erzählsituation ist subjektiv, die Realität wird als Bewusstseinsinhalt empfunden. Es kommt zu einer Vermengung von dinglicher Außenwelt (objektiv) und der ideelen Innenwelt (subjektiv). Es erfolgt außerdem eine scharfe Perspektivierung des Erzählten.
Raum-Zeitliche Fixierung: schärfere Konturen der Erzählung, Individualität/Typik der Persönlichkeit des Erzählers -> eigentümliches Licht auf Szene, quasi-autobiografischer Ich-Roman => Spannung zwischen erlebendem und erzählendem Ich, Wandlung durch Reue/Belehrung/Einsicht, Spannung wird gesteigert
Vergangenheit <=> Gegenwart
Das erzählende Ich ist reifer, einsichtiger, innerlich gewachsen. Es hat einen höheren moralischen, religiösen, sozialen, humanitären Standpunkt.
Personaler Roman:
- Reflexion, essayistische Abhandlung, Interesse an Geschehenem selbst
- Hervorhebung er Innenwelt, Bewusstseinsabläufe, Gedanken, Stimmungen der Ich-Figur
Anhand von Textstellen:
- S. 13: Selbstreflexion => Erkenntnis: „Beweisen will ich nichts mehr“
- S. 13 Kassandra beschreibt die Jetzt-Situation aus Sicht einer Außenstehenen (spricht in der dritten Person über die Anwesenden) „die Sieger“ bzw. „die Gehorchenden“.
- S. 9 Erkenntnis bzw. Wertung „Der Ton der Verkündung ist dahin. Glücklicherweise dahin.“
Zusammenfassung:
- Ich-Roman (Erzähler tritt als Person im Roman auf) – häufig, um die vermeintliche Realität des Romans zu unterstützen
- personaler Roman (Hervorhebung der Innenwelt, Bewusstseinstrom, Reflexion)
- Wechsel zwischen auktorialem Erzähler und personalem Erzähler (Erinnerungsmoolog wird durch Person unterstützt) auf Kassandra übertragbar)
- Bsp. : Problog S. 7, Z. 1-10 auktorialer Erzähler -> „Da stand sie“ (Z. 1) ab Z. 11 personaler Erzähler => „Mit der Erzählung gehe ich in den Tod“ (Z. 11) (Vorrausdeutung)
- Verschmelzung von auktorialem und personalem Erzähler in Z. 11 (es ist nicht klar, ob Kassandra oder der auktoriale Erzähler spricht. Es ist möglich, dass die Aussagen auf Kassandra und Christa Wolf zutreffen)
- Erzählung nach einschneidender Entwicklung
- Bsp.: „Hier ende ich, ohnmächtig und nichts, nichts was ich hätte tun oder lassen, wollen oder denken können, hätte mich an ein anderes Ziel geführt“ (Z. 7, S. 12) [Kassandra akzeptiert ihr Schicksal]
- Ziel des Erinnerungsmonologs: Kassandras Besinnung auf die eigene weibliche Sprache und Stimme
- Bsp.: „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, anders habe ich nicht gewollt.“ (S.
- Reflexionsprozess über Verlust der Autonomie. Kein einfaches Zurückblicken, sondern erneutes Durchleben (=> ähnelt Autobiographie)
- Bsp.: „Mit meiner Stimme sprechen: das Äußerste. Mehr, anders habe ich nicht gewollt.“ (S.
Wechsel zwischen erzählendem Ich (reproduktiv) und erlebtem Ich (retroperspektivisch=> Subjektive in der Erinnerung verwurzelte Sichtweise) => Spannung zwischen erlebten und erzählendem Ich
=> Vergangenheit <=> Gegenwart
Ich-Wertung und Erkenntnis: Bsp.: „Der Ton der Verkündung ist dahin. Glücklicherweise dahin.“ (S.9) „Mitleid mit mir habe ich nicht mehr als mit anderen. Beweisen will ich nichts mehr.“ (S. 13)
-Vermengung von dinglicher Außenwelt (objektiv) und ideeller Innenwelt (subjektiv) (auktorialer <=> personaler Erzähler)
- männliche „Objektivität“ <=> weibliche „Subjektivität“
- Perspektivierung und Medialisierung => Individualität wirft ein besonderes Licht auf die Erzählsituation
- => Erzählsituation unterstützt den Reifungsprozess und die Gefühlswelt Kassandras
Rhetorische Mittel in Kassandra (Anhand der Textstelle S. 9-13)
„Unter Druck gesprochen“ => Zeitdruck (Tod Kassandras) führt zu Auslassungen, Gedankenfetzen, Ausdrucksnot => Not der Mitteilung (Sprachnot)
Klarstellung => korrigiert sich selbst während der Erzählung [Selbstvergewisserung] => Wiederholungen, Verkürzungen, Häufungen
Veränderung soll mitgeteilt werden, soll „gehört“ werden =>
Seelische Vorgänge wichtiger als äußere Handlungen, Kalaydoskopartige Aufsplittung der Geschichte (Handlungsebene), Zeit ist eine variable Größe statt linearer Ablauf
Auktorialer <=> personaler Erzähler
Subjektivierung <=> Objektivierung; Betonung des Augenblicks => Zeitdehnung. Ich Erzählerin stößt tastend in die Vergangenheit vor. Erzählung holt sich am Ende selbst ein. (man kommt wieder zum Ausgangspunkt zurück) In der Erinnerung erlebte Welt, Erzählung nach einschneidender Entwicklung, inneres Wachstum (Reifeprozess, Persönlichkeitsentwicklung). Der innere Monolog Kassandras betont alle Kriterien der persönlichen Ich-Erzählung.
Rhetorische Figuren: Anapher, Inversion, Akkumulation (Reihung), Rhetorische Frage, Vergleich, Geminatio
Satzstruktur/Synthax: Hypotaxen, Parataxen, Kurzsätze wechseln sich ab
Erzählsituation: Personale Ich-Erzählung [Erinnerungsdialog]
Posted: Februar 19th, 2010 under Deutsch.
Tags: Christa Wolf, ich roman, Kassandra