Textstellenanalyse: Kassandra – Der Krieg in der Darstellung Kassandras
Die Textstelle auf S. 90-92 in Kassandra von Christa Wolf, erschienen 1983, beschreibt die Situation vor Ausbruch des Krieges zwischen Troja und Griechenland aus Sicht der Seherin Kassandra.
Zu diesem Zeitpunkt kämpften die Trojaner nicht mehr für Helena sondern um ihr Leben (S. 90, Zeile 15f.), dennoch dient Helena immer noch als ausschlaggebendes Propagandamittel um das Volk aufzuhetzen. Kassandra erinnert sich daran, dass Anchises, der Vater von Aineas, die Trojaner kritisierte, weil diese für die Schönheit einer Frau kämpften und der Kriegsgrund somit noch unbedeutender sei als bei einem Krieg um Macht oder Reichtum. An diese Aussage schließt Kassandra die Erinnerung an Paris Auftreten auf dem Marktplatz an, als dieser das trojanische Volk wieder einmal mit Helena aufzuhetzen versuchte. Kassandra spricht Paris darauf an, der ihr daraufhin die Wahrheit über Helena gesteht, nämlich dass es diese gar nicht im Palast gibt. Auf diese Erkenntnis folgt eine erneute Vision von Kassandra, die ihr das Kriegsende offenbart und sie dazu bringt den Untergang Trojas zu prophezeien.
Daraufhin wird sie wieder von den Palastwachen abgeführt und Eumelos vorgeführt. Diesen konfrontiert sie mit der Wahrheit, die sie soeben von Paris erfahren hat. Eumelos wirkt nicht überrascht sondern fragt sich nur warum Kassandra dies erst jetzt erfahren hat, da bereits der gesamte Palast über die Helena-Lüge bescheid wusste. Er droht Kassandra damit sie einzusperren wenn sie noch einmal den Untergang Trojas ausrufen sollte.
Kassandra selbst wird in diesem Moment ihr Hass auf Eumelos bewusst und sie gesteht sich selbst ein, dass auch sie von ihm beeinflusst und manipuliert wird, da sie ansonsten nicht Trojas Niederlage prophezeit hätte sondern den Trojanern die Wahrheit über Helena gestanden hätte. Voller Verzweiflung appelliert Kassandra an die Vernunft ihres Vaters, da sie weiß, dass der Untergang Trojas ansonsten unausweichlich sein wird.
Die Textstelle beschreibt die Kriegssituation in der sich die anfängliche Euphorie gelegt hat. Die Trojaner kämpften nicht mehr für den eigentlichen Kriegsanlass, da dieser im Anblick des Krieges in den Hintergrund gerückt ist. Kassandra durchschaut nun die Intrigen des Eumelos und die Männerwelt als ganzes, diese hatte sich ihr uvor nur fragmentarisch erschlossen. Sie erkennt auch, dass sowohl ihr Vater und ihre Brüder aber auch sie selbst von Eumelos beeinflusst und manipuliert werden. Inzwischen hat Eumelos die Entscheidungsgewalt im Palast, da Priamos von ihm immer weiter entmachtet und instrumentalisiert wurde. An diese Erkenntnis, insbesondere die Wahrheit über Helena, schließt sich eine weitere Vision Kassandras an. Sie ruft öffentlich den Untergeng Trojas aus, behält aber das Staatsgeheimnis von Helena für sich, da sie von Eumelos beeinflusst wird.
Aus der Beeinflussung Priamos durch Eumelos ergibt sich ein Vater-Tochter-Konflikt. Sie kritisiert ihren Vater zum ersten Mal und appelliert zugleich an seine Vernunft (S. 92, Z. 24ff.). Für Eumelos empfindet Kassandra nur noch Hass (S. 92, Z. 6). Auf den Seiten 90-92 überwiegen hypotaktische Sätze, die Kassandras Erinnerung sehr genau beschreiben um dem Leser ein detailliertes Bild zu geben. Kassandra setzt ihre Erinnerung an diesen Zeitpunkt immer wieder mit späteren Erkenntnissen und ihrer Situation in Mykenae in Bezug.
Auf S. 91 Z.19ff. setzt sie diesen Bezug ganz offensichtlich „wie in Mykenae“, sie bekräftigt diese Aussage zugleich mit einer Wiederholung. Auch ihre Aussage über den Untergang Trojas verstärkt sie in ihrer Erzählung mit einer Wiederholung und zusätzlich einer Exclamation (Z. 14-15 auf S. 91) „Weh, wir sind verloren“.
Kassandras Erinnerung erfolgt fragmentarisch. Die Erinnerung im Vordergrund liegt vor Kriegsbeginn, sie durchschaut zu diesem Zeitpunkt erstmals die Intrigen des Eumlos und erkennt wie ihr Vater instrumentalisiert wird. Sie erinnert sich aber auch an die Kriegskritik von Achises, die er geäußert hatte als das Ende des Krieges abzusehen war. Darauf schließt sich wieder die Erinnerung an die Kriegsvorzeit an.
Zwischendurch setzt Kassandra diese Erinnerung an den im Vordergrund stehenden Zeitraum mit ihrer Situation in Mykenae zum Zeitpunkt des Erzählens in Bezug und kommentiert ihre späteren Erinnerungen an den beschriebenen Zeitraum. Mit dieser fragmentarischen Form versucht Christa Wolf einen Überblick über die Situation zu geben und dem Leser bereits Informationen über später folgende Ereignisse zu geben. Kassandra durchschaut in dieser Textstelle nicht nur die Intrigen des Eumelos und erkennt wie dieser sie selbst aber vor allem ihren Vater beeinflusst hat, sie erkennt auch die Sinnlosigkeit des Krieges im Hinblick auf den vorgeschobenen Kriegsgrund. Durch diese Erkenntnis weiß sie auch das ein Verlieren des Krieges und ein darauf folgender Untergrand Trojas unabwendbar sind. Daraufhin appelliert sie an die Vernunft ihres Vaters, der ihre Bitte allerdings abweist. In Ergänzung mit den chronologisch späterfolgenden Erinnerungen ergibt Kassandras Erkenntnisprozess ein schlüssiges Gesamtbild.
Posted: Februar 19th, 2010 under Deutsch.
Tags: Christa Wolf, Kassandra, Krieg, Textstellenanalyse